Meine „kaputte“ Seele
Ich sitze vor meiner Tochter, wir haben unsere abendliche Mutter-Tochter-Zeit. Sie schaut mir in die Augen und ich zwinge mich nicht wegzuschauen. Ich will ihr das Gefühl geben, dass ich für sie da bin, dass ich ihre Mutter bin. Aber eigentlich fühle ich mich nicht erwachsen, nicht integer, körperlich und seelisch ausgelaugt. Ich bin seit 2 Monaten im Ditch, gefühlt viel länger, und binge beinahe täglich und natürlich ist die Bulimie auch zurück.
„Mama, wusstest Du dass ich die Seele in den Augen sehen kann? Ich sehe, dass deine Seele kaputt ist.“
Die Tränen schießen in meine Augen und ich möchte gerne vor all den in mir aufkommenden Gefühlen weglaufen. Meine 13 jährige Tochter sieht in mich hinein und erkennt meine „kaputte“ Seele.
Ich probiere mich zu beruhigen und rede mit ihr darüber, dass es wirklich gerade eine schwere Zeit ist für mich und dass ich dabei bin, meine Seele wieder zu heilen. Ich sage ihr, wie schön ich es finde, dass sie mit mir darüber redet und bestärke sie darin, dass diese Gaben, die sie hat, sehr wertvoll und besonders sind.
Aber innerlich fühle ich mich so hilflos und so unnütz, so eine unzureichende Mutter. Ich nehme mir vor, diesen Moment zu bewahren, diesen Schreck, um wieder bright zu werden. Wieder emotional anwesend zu sein, die Verbindung zu meinem Herzen wieder zu fühlen.
Selbst dieses Ereignis hat mich nicht von der Sucht weggebracht.
Es wird für mich immer ein Rätsel bleiben, wie man alles, was man gelernt und gefühlt hat in der Abstinenz, durch einen kurzen Moment des Nachgebens vergessen kann und eine komplett andere Welt betritt. In der Welt der Sucht erscheint die Umgebung anders und auch ich als Person reagiere und fühle anders. Und andersherum, in der Welt der Abstinenz, scheint diese Person und ihre Wahrnehmung der Umgebung ein Märchen aus weit vergangener Zeit zu sein und nichts mehr mit mir zu tun zu haben.
Vor ein paar Wochen habe ich es geschafft in einen Call von BLE zu gehen und mit Lynn Colston zu reden, mich in der Gemeinschaft zu zeigen. Danach war ich für 5 Tage bright. Das war herrlich, die Kraft kam zurück, der gute Schlaf, mein Gehirn wurde klarer und vor allem fühlte ich mich mental stärker und war integer. Und doch habe ich wieder NMF (not my food) gegessen am sechsten Tag.
Unterstützung
Ich habe es nicht geschafft, die Unterstützung, die ich brauche, in mein Leben zu integrieren. Jemand mit so viel Stress und Sorgen wie ich, braucht mehrmals am Tag Kontakt mit anderen, um sich daran zu erinnern, dass die Abstinenz absolute Priorität haben muss. Auch wenn die Welt um einen herum gerade untergeht, auch wenn die Kinder leiden und mich brauchen. Selbst dann, wenn ich vor Überforderung nicht mehr kann.
Einen Tag lang hatte ich diese Kontakte und es war schwierig, sie in meinen Tag zu integrieren. „Du bist den ganzen Tag im Telefon, Mama und wir konnten gar nicht richtig mit dir reden.“ Immer diese Entscheidungen und das ständige Prioritäten setzen, das ist unglaublich anstrengend für mich.
Die Tage danach wurde es immer weniger Kontakt, bis ich dann am sechsten Tag wieder gebingt habe. Deutlicher zu sehen war die Verbindung zwischen bright sein und genügend Kontakt noch nie für mich.
Eine große Erkenntnis dieses Ditches (Rückfall) war auch, dass die Person und der Inhalt des Gesprächs nicht die Wichtigkeit haben, die ich ihnen früher zugeschrieben habe. Ich habe in meinen Jahren bei BLE viele tiefgehende Kontakte aufgebaut zu Menschen, die mich und mein Leben verstehen. Das ist wunderschön und ein riesiges Geschenk. Aber diese Menschen haben auch ein volles Leben und viele Probleme und ich rufe sie nicht so einfach zwischendurch an. Ich brauche mehr Kontakte für kurze Gespräche in der Not, bei Essgedanken und Suchtdruck. Ich habe auch keine Mastermindgruppe und nehme nicht an den Guideongames teil. In meinem Programm bin ich noch immer sehr auf mich selbst gestellt.
Das hier ist der erste Schritt. Mich zeigen.
Liebe Grüße,
Olivia